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30.04.2016 32. Lysser OL

01.05.2016 61. Bucheggberger OL

M: 02.05.2016 Pfingststaffel

Jukola 2012

Ein Stau in der Sauna. Und warum die ol.biel.seeland 2013 an der Jukola teilnimmt.

Am Fenster, neben mir, sitzt eine junge Frau als unser Swiss-Flug 3511 in Stockholm mit Richtung Sonnenuntergang abhebt. Wir waren aus dem Regen der finnischen Hauptstadt mit Blue1 kommend in Schweden zwischengelandet. Weil Pesche, Thomas, Michael und ich keinen Bordingpass für den Anschlussflug ausgehändigt erhalten haben, wurden wir beim Umstieg in Arlanda wie einige andere heimfliegende OL-Menschen auf die raren freien Plätze verteilt. Chris, als die sie sich vorstellt, kommt aus dem Südwesten Chinas, aus der Provinz Yunnan. Gegenwärtig arbeitet sie in London für eine in der Kunstbranche spezialisierte Versicherung und wird in den nächsten Tagen geschäftlich in Zürich tätig sein. In der Reihe direkt vor uns sitzen Patrik, Fabian und Andreas zusammen und diskutieren die Jukola aus Sicht der Sieger: Fabian lief für Kalevan Rasti die Schlusstrecke und überquerte das Ziel begleitet von seinen finnischen Staffelkollegen heute Morgen kurz vor halb Sieben als Siegläufer. Chris hat noch nie etwas von OL gehört, weshalb sie die drei OL-Menschen vorgestellt kriegt, nachdem ich ihr hoch über den Wolken eine Kurzfassung über unseren Sport verschafft habe. Mit meiner Karte von der fünften Teilstrecke, auf der ich auch irgendwann unbemerkt von Fabian überholt wurde, und mit der von Brigitta, sie löste mich ab und bewältigte nach der gestrigen Venla-Startstrecke für unser Team noch das sechste Teilstück, zeige ich der Chinesin Chris, warum nordische Wälder auf Eidgenossen eine Faszination ausüben.

1949 starteten 41 Männerteams zur ersten Jukola-Staffel und seitdem wird sie jährlich am dritten Samstag im Juni durchgeführt, immer in einer anderen Region Finnlands. Bereits 1951 wurde für die Frauen ein Einzelwettkampf durchgeführt, der ab 1978 der Venla-Staffel mit vier Teilstrecken Platz machte. Nach dem Anlass 2005 mit je einer Staffel der OLG Biel am Start fanden Thomas und Pesche, es wäre wieder an der Zeit unter dem eigenen Klubnamen ein Staffelteam zu bilden. Michael, Säm und ich identifizierten uns bald mit der Idee, Brigitta überzeugten wir an Pfingsten in Frankreich dank intensivem Studium der Wettkampfvorschriften. Fehlt uns noch der Siebte – wir schicken Pesche eine Woche früher nach Finnland. Er nutzt die Geheimmission zwar als Trainingslager, aber endlich kann er uns Matthias Hauswirth vorstellen. Der ol norska-Läufer wird unsere Staffel vervollständigen. Weil sich das Anmeldeportal allerdings gegen die Bezeichnung ol.biel.seeland querstellt, wird mit Nummer 1103 die OL Biel Seeland an den Start gehen, immerhin gehören wir zu den 1650 eingeschriebenen Teams.

Hakunila liegt an der Gemeindegrenze zwischen Vantaa und Helsinki mit dem Wettkampfzentrum der Valio-Jukola. Unseren Anlass erreichen wir vom Flughafen aus nach einmaligem Umsteigen mit den öffentlichen Bussen. Nach der angenehmen Nacht im Hotel Bonus Inn und einem verführerischen Frühstücksbuffet, wartet uns nun da Militärcamping, bietet wenigstens eine fast freie Sicht auf das Start- und Zielgelände. In vielleicht hundertfünfzig Meter Entfernung. Unser Zeltplatz T4 umfasst vierhundert Zelte, bewacht von Soldaten der finnischen Armee, und bewachen auch uns. Eine Fernsehcrew nimmt ein paar Bildsequenzen auf. Wir begrüssen Pesche, draussen vor unserem Zelt 126, in dem er schon seine Utensilien breit gemacht hat. Drinnen unter dem Zeltdach aus schwerem Tuch ist es warm, sehr warm. Wir gehören zu den ersten, die einziehen.

Eine Fernsehreporterin sucht ein finnisches Team für einen Beitrag, der heute von YLE2 ausgestrahlt würde. Doch die Finnen kommen erst morgen Samstag. Kommt Ulla eben zu uns und führt das Interview mit Pesche. Eine Woche reicht nicht, um Finnisch zu lernen, deshalb in englischer Sprache. Warum wir hierher, nach Finnland kommen? Pesche erinnert an die sportliche Herausforderung im Wald, das Erlebnis mit gleichgesinnten Menschen. Nachfrage von Ulla, ob den zweihundert Euro für so ein Zelt (...) nicht teures Geld sei? Mitten in der Antwort fällt Pesche aus dem Rhythmus, mit einem verzweifelten "Shit" hängt er ab. Ulla gibt nicht auf und streckt Thomas das Mikrofon hin. Sie lässt sich unsere Namen mitgeben und verabschiedet sich zufrieden.

Am späteren Nachmittag, Michael schaut sich Helsinkis Innenleben an, gehen Säm und Thomas auf der Karte am etwas entfernten Kuusijärvi auf eine lange Trainingsrunde, während ich auf dem grünen Kyrkberget versuche, die Karte grenzt direkt an unseren Zeltplatz, meine ruhenden finnischen OL-Kenntnisse aufzufrischen. Pesche ist Team-Manager und erledigt uneigennützig auch die Aufgaben des Back Offices. Er und ich sind als Erste zurück auf dem Platz und stellen fest, dass unsere Sportsachen im falschen Zelt liegen!? Wir zügeln die ganze Ware um zwei Zeltreihen. Später am Abend führt es uns auf der Suche nach einem Restaurant in die urbane Umgebung Hakunilas. Wir sitzen draussen vor einer türkischen Imbiss-Bude und essen Pizza, die Wohnblöcke um uns zeigen das Gegenteil von skandinavischen Ferienprospekten. Die Leute, denen wir begegnen, lassen sich Filmen von Aki Kaurismäki zuordnen.

Samstagvormittag. Schon Wettkampfstimmung, die OL-Menschen strömen aus allen Ecken Valio-Jukola entgegen, oder nach der kühlen Nacht im Zelt noch hurtig in einen See eintauchen? Thomas, Michael und ich wählen die Busfahrt an den Kuusijärvi. Die Zeit ist knapp, doch ein Kaffee nach dem Bad liegt auch drin, ehe wir das schöne Gelände rasch verlassen, um rechtzeitig zum Start der Venla-Staffel um zwei Uhr zurück zu sein. In der grossen Masse mit Zuschauer und Wettkämpferinnen den Überblick zu wahren ist nicht ganz einfach, doch Speaker und zwei riesige Anzeigetafeln halten die Anwesenden und die finnischen TV-Zuschauer auf dem Laufenden und mögen dank GPS gar den Spitzenteams folgen. Brigitta läuft für ihren schwedischen Verein Järla zu Beginn ganz vorne weg, gerät durch eine längere Suchaktion zwischenzeitlich ins Hintertreffen, holt die eingebüssten Plätze aber fast wieder zurück, um als 44. zu übergeben. Später treffen wir Brigitta und sie erzählt voll begeistert vom Erlebten.

Neunhundert Meter nach dem Start überqueren die Läufer die gesperrte Strasse, die schnellsten Läufer legen die Pflichtstrecke bis zum Startpunkt in wenigen Minuten zurück und so strömen sie kurz nach halb elf Uhr abends durch die abgeholzte Waldschneise hinunter. Die Stirnlampen bilden ein prächtiges wogendes Lichtermeer. Pesche und ich halten Ausschau nach Thomas, doch obwohl ganz nah, es bleibt beim Versuch. Er macht ein starkes Rennen und schickt auf Rang 393 liegend Pesche kurz nach Mitternacht auf die zweite Strecke.

Ich liege im Zelt, suche statt einem Posten den Schlaf. Zwei Stunden später kommt Pesche zurück, Säm ist jetzt für unser Team unterwegs, und weckt Michael. Und klärt uns auf, dass er einen falschen Posten quittiert hat, unsere Staffel DQ. Unser Pesche ist betrübt, traurig... da müssen wir durch. Säm nach der Übergabe gleich ins Wettkampfbüro. Er hat festgestellt, wie er die Karte mit Michaels Bahn aus der Kartenmappe holen will, da ist ja die vom dritten Abschnitt noch drin!? Die untrügliche Ratlosigkeit in der Frühe eines wunderbaren finnischen Sonntagmorgens lässt sich nicht ganz verbergen.

Ich folge auf Michael, suche gleich den ersten Posten bestimmt zehn Minuten und erinnere mich endlich an alte finnische OL-Kenntnisse und am Ende meiner 8.1 km langen Schlaufe spüre ich auch die mitgegebenen 345 Meter Steigung kaum. Brigitta fliegt heran, das schönste Lachen im Gesicht übernimmt ihre Karte. Ich treffe Thomas, der den Überblick für unsere Staffel wahrt, und hole im Zelt 126 Badetuch und saubere Kleider.

Entfernt, auf der gegenüberliegenden Seite des Start- und Zielgeländes sind Duschen und die Sauna in einem Zelt. Am Himmel ziehen sich die ersten Wolken zusammen, etwas Regen ist für den Nachmittag angesagt. Es ist ja noch nicht mal acht Uhr. Mit zwei Euro kommt man(n) in die Sauna, ich warte kurz bis sich eine Lücke in einer der beiden Sitzreihen links oder rechts der vier mit Holz befeuerten Öfen auftut. Wasser zischt, wenn es über die Steine gegossen wird, damit die Temperatur hochbleibt. Plötzlich, ganz unerwartet betreten zwei junge Frauen die Sauna und setzen sich auf halber Länge auf die untere, sonst freie Sitzbank. Was bewirkt, dass nun mehr Männer länger warten, bis wieder eine Lücke geschlossen werden kann!

Nach der wohltuenden Dusche stelle ich mich zum Frühstück an, mit Porridge und Kaffee kann heute nichts mehr schieflaufen! Abgesehen vom Wetter: ab zehn Uhr giesst es aus allen Kübeln. Ununterbrochen. Wir liegen in unserem Zelt und hoffen, dass das Militärtuch zurückhält, was wir nicht brauchen. Ja, tut es. Matthias kann dem Nass nicht ausweichen, doch nach zweidreiviertel Stunden schafft er es zurück ins Ziel, im Sog der Läufer aus dem Massenstart von neun Uhr. Aufräumen, Rucksack packen, Karten an der Information abholen, uns von Matthias und Säm, der erst morgen heimfliegt, verabschieden. Nach etwa zwanzig Minuten Fussmarsch durch den strömenden Regen, wenigstens ist es nicht kalt, kommen wir zur Busstation, wo wir auf den Bus zum Flughafen warten.

Rangliste Bilder dazu

Bericht von Ueli